Wie viel Klimaschutz sind die Menschen in Deutschland tatsächlich bereit mitzutragen? Eine aktuelle Studie zeigt eine erstaunliche Wahrnehmungslücke: Politiker unterschätzen die Zustimmung zu wirksamen Klimaschutzmaßnahmen deutlich – insbesondere dann, wenn diese mit gesetzlichen Vorgaben oder persönlichen finanziellen Beiträgen verbunden sind.
Fast jede Zweite in Deutschland wäre bereit, monatlich ein Prozent des eigenen Einkommens für wirksameren Klimaschutz beizutragen. Politische Entscheidungsträger schätzten diesen Anteil dagegen auf lediglich rund 18 Prozent. Das zeigt eine Studie von Forschenden der Ruhr-Universität Bochum und der Leuphana Universität Lüneburg, die im Juni 2026 in Communications Earth & Environment veröffentlicht wurde.
Für die Untersuchung wurden 6.074 Politiker aus Bundestag, Landtagen und Kommunalpolitik kontaktiert; 1.599 Politiker beziehungsweise politische Büros nahmen teil. Ihre Einschätzungen wurden mit zwei repräsentativen Bevölkerungsstichproben verglichen. Das Ergebnis: Die gesellschaftliche Unterstützung für Klimaschutz wird systematisch unterschätzt – und zwar stärker von politischen Entscheidungsträger als von der Bevölkerung selbst.
Gerade wirksame Maßnahmen werden unterschätzt
Besonders interessant ist, wo die Wahrnehmungslücke am größten ist. Die Zustimmung zu Informationsmaßnahmen wird vergleichsweise realistisch eingeschätzt. Deutlich unterschätzt wird dagegen die Bereitschaft, strengere Klimagesetze, Regulierungen und finanzielle Beiträge mitzutragen – also gerade Maßnahmen, die für eine wirksame Klimapolitik besonders relevant sind.
Die Forschenden sprechen in diesem Zusammenhang von „pluralistischer Ignoranz“: Menschen können eine Position mehrheitlich teilen und gleichzeitig davon ausgehen, dass andere diese Meinung nicht teilen. Auch Bürger unterschätzen laut Studie die Klimaschutzbereitschaft ihrer Mitmenschen. Bei den befragten politischen Entscheidungsträger ist diese Fehleinschätzung jedoch noch stärker ausgeprägt.
Das kann politische Konsequenzen haben. Denn in einer Demokratie orientieren sich politische Entscheidungen nicht nur an den eigenen Überzeugungen der Verantwortlichen, sondern auch daran, was sie für mehrheitsfähig halten. Wird die Unterstützung für Klimaschutz unterschätzt, können ambitionierte Maßnahmen politisch riskanter erscheinen, als sie tatsächlich sind. Die Forschenden kommen deshalb zu dem Schluss, dass diese Fehlwahrnehmung selbst zu einem Hindernis für wirksame Klimapolitik werden kann.
Die Ergebnisse geben damit auch Anlass, die öffentliche Debatte über Klimaschutz neu zu betrachten: Vielleicht fehlt es nicht immer an gesellschaftlicher Bereitschaft für Veränderungen – sondern mitunter an dem Wissen darüber, wie groß diese Bereitschaft bereits ist.
Quellen und weiterführende Informationen:
Sevincer, A. Timur; Hostlowsky, Luisa; Styhler, Fenja; Hofmann, Wilhelm (2026): Public support for climate action is underestimated in the German political domain. Communications Earth & Environment 7, 543. DOI: 10.1038/s43247-026-03721-7.
Ruhr-Universität Bochum (23.06.2026): Deutsche Politiker unterschätzen die Unterstützung für Klimaschutz.
Tagesschau (02.07.2026): Politik unterschätzt Bereitschaft zum Klimaschutz.


