16.07.2014 - 11:27

UNHCR stellt Bericht vor: 50 Millionen Flüchtlinge - kein einziger Klimaflüchtling?

Zum Tag des Flüchtlings am 20. Juni hat das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen seinen aktuellen Bericht vorgelegt. Mit erschreckenden Zahlen: Weltweit sind 50 Millionen Menschen auf der Flucht, so viele wie zuletzt während des 2. Weltkrieges. Ins Auge fällt jedoch auch die Tatsache, dass von keinem einzigen Klimaflüchtling die Rede ist. Kann das sein?

Ioane Tektite, Familienvater von der Insel Kiribati, sorgte für ein medienwirksames Ereignis, als er kurz vor Erscheinen des UN-Berichts einen Asylantrag an die neuseeländische Regierung stellte. Der Grund für sein Asylgesuch war, dass seine Heimat, eine Insel im indischen Ozean in naher Zukunft wegen des Klimawandels und des daraus resultierenden steigenden Meeresspiegels schlichtweg im Meer versinken würde. Doch das oberste neuseeländisches Gericht lehnte ab. Ist das Thema "Klimaflucht" vielleicht gar nicht relevant? Ist globale Erwärmung nur Ansichtssache und der Klimawandel ein Hype? Umweltkatastrophen wie Stürme, Hurrikans und Erdbeben habe es schließlich schon immer gegeben und Menschen hätten deswegen ihre Heimat verlassen müssen, so die Kritiker. Wieso soll dieses Phänomen also neu sein?

Ja, Naturkatastrophen gab es schon immer, auch sehr schlimme, das neue Phänomen daran ist allerdings deren Häufung mit dem Indikator des Extremen. Ein ganz einfaches Beispiel: Die jährlichen Überschwemmungen in Venedig haben sich seit 1910 mehr als verzehnfacht. Die Überflutungen waren schon immer da, nur werden es von Jahr zu Jahr mehr. Leider lässt sich dieses Beispiel inzwischen auf viele Regionen der Welt anwenden.

Der Klimawandel an sich ist nicht der alleinige Grund für Migration oder Flucht. Er wirkt viel mehr als Verstärker von Armutserscheinungen wie Hunger, etwa durch langanhaltende und wiederkehrende Dürren am Horn von Afrika. Die Überschwemmungen, wie vor ein paar Jahren in Bangladesch, zerstören nicht nur die Häuser der Menschen, die Schulen und Felder, sie begünstigten auch den Ausbruch von Krankheiten.

Die Menschen werden so entweder direkt durch die Umwelterscheinungen oder indirekt durch die damit einhergehenden (Langzeit-) Folgen zur Flucht gezwungen. Und am häufigsten findet Klimamigration immer noch innerhalb desselben Landes statt – das Flüchtlingswerk der UNO (UNHCR) benennt generell alle innerstaatlichen Migranten und Flüchtlinge als „Internal Displaced People“, ganz gleich, ob Krieg, Vertreibung oder Klima die Ursache der Migrationsbewegung sind. Eine Differenzierung ist sehr schwierig, Zahlen zu Klimaflüchtlingen sind daher nicht eindeutig. Migrationswissenschaftler gehen aktuell von 20 Millionen Klimaflüchtlingen aus, bis ins Jahr 2050 soll die Zahl verdoppeln du auf 50 Millionen steigen.

Diese Problematik der Migration, die durch den Klimawandel herbeigeführt oder zumindest stark verschärft wird, ist den Vereinten Nationen sehr gut bekannt. Und genau deshalb verwenden sie auch nicht den Begriff des „Klimaflüchtlings“. Was ein Flüchtling* ist, wurde nach dem Ende des 2. Weltkriegs definiert und von den meisten Staaten der Welt akzeptiert. Mit dem Flüchtlingsstatus geht das Recht auf Schutz in einem anderen Staat einher (Asyl). Eine Erweiterung der bestehenden Flüchtlingsdefinition um den Aspekt Klima/Umwelt hätte für die Zukunft und auch schon jetzt weitreichende Konsequenzen, denn mehr Menschen hätten das Recht auf Asyl und dürften Asylanträge stellen. Doch die meisten Staaten der Welt verfolgen ein eher immer restriktiver werdendes Asylrecht und verweigern sich dieser „Zukunftsproblematik“ durch Wortspiele.

Das Gericht in Neuseeland lehnte den Antrag des Mannes aus Kiribati ab, weil es befürchtete einen Präzedenzfall zu schaffen: Durch die offizielle Anerkennung des ersten Klimaflüchtlings der Welt, wäre man in die Pflicht genommen, sich zum einem um zahlreiche weitere Flüchtlinge zu kümmern und zusätzlich auch bessere Umweltbedingungen zu schaffen: Weniger Co2-Ausstoß, besserer Schutz der Meere, weniger Müllproduktion, generell einen nachhaltigerer Lebensstil zu verfolge und somit auch den Klimawandel anzuerkennen..

Noch wird das Problem ignoriert, wo es geht.

Der Präsident von Kibutu, ebenfalls vom drohenden Versinken betroffen, hat vor kurzem mehrere Grundstücke auf einer Nachbarinsel erworben – für den möglichen Fall einer Evakuierung. Nach Angaben der australischen Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation (CSIRO) betrug der Anstieg des Meeresspiegels von 1992 bis einschließlich 2009 durchschnittlich 3,3 mm pro Jahr, etwa 50 % mehr als noch im gesamten 20. Jahrhundert gemessen wurden. Seinen Prognosen zufolge wird ein weiterer Anstieg erwartet.

Die Anerkennung des Begriffs „Klimaflüchtling“ ist ein erster Schritt dafür, dass der Klimawandel als Bedrohung für die Menschen und die Umwelt anerkannt wird. Dementsprechend schnell muss dann auch global und kohärent von den Mitgliedsstaaten der UNO gehandelt werden. Solange aber bei den Themen Flucht und Migration die Augen vor den Ursachen verschlossen werden und die Probleme nicht korrekt benannt werden, solange können sie auch nicht beseitigt werden.

 

*    Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention definiert einen Flüchtling als Person, die sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt oder in dem sie ihren ständigen Wohnsitz hat, und die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung eine wohlbegründete Furcht vor Verfolgung hat und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Furcht vor Verfolgung nicht dorthin zurückkehren kann. (UNHCR)

Von Ingrid Banciu.