28.02.2017 - 10:15

Kommentar: Taste the Waste - die Essensvernichter

Ein Kommentar zu unserer Wegwerfgesellschaft von Veronika John-Wickel: Mehr als die Hälfte aller produzierten Lebensmittel wird weggeworfen. Das schadet dem Klima und der weltweiten Trinkwasser- und Nahrungsversorgung. Doch der Lebensmittelverschwendung können wir uns entgegenstellen.

Ein Kommentar zum Film Taste the Waste (2010) und dem dazugehörigen Buch Die Essensvernichter – warum die Hälfte unserer Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist (2011):

Konsumentendemokratie?

Wir als westeuropäische Konsumenten sind sehr verwöhnt. Wir erwarten Supermärkte mit prall gefüllten Regalen, mit Dutzenden von Joghurtsorten in allen möglichen Geschmacksrichtungen und natürlich auch 40 verschiedene frische Brotsorten, auch kurz vor Ladenschluss um 22 Uhr. Sind wir uns wirklich bewusst, wohin das führt?Bildquelle: pixabay.com

Schlaraffenland = Wegwerf-Gesellschaft

Schätzungen zufolge wird die Hälfte aller Lebensmittel weggeworfen. Mit den Lebensmitteln, die allein in Europa weggeworfen werden, könnten alle Hungernden der Welt zweimal ernährt werden! In den letzten 10 Jahren stieg die Anzahl der Produkte in unseren Supermärkten um 130%, nimmt man die unterschiedlichen Varianten dazu sind es 420%. Gleichzeitig wurde der Produktlebenszyklus um 80% verkürzt. Teilweise willkürlich, weil der Hersteller selbst sein Mindesthaltbarkeitsdatum bestimmt.
Also lieber etwas kürzer, damit schneller nachgekauft wird.

Übrigens: es ist schlicht nicht wahr, dass „abgelaufene“ Produkte nicht mehr verkauft werden dürfen. Wahr ist allerdings, dass der Hersteller nur bis zu diesem Datum einwandfreie Qualität garantiert. Fast alles kann aber natürlich auch danach noch gut gegessen werden, ein einfacher Optik-, Riech-und Geschmackstest reicht meist aus.


Ein paar Zahlen - obwohl das schwierig ist, weil es dazu in Deutschland kaum Statistiken gibt – vielleicht will man es lieber gar nicht wissen?
Spitzenreiter sollen die Niederlande sein, dort werden 600 kg Lebensmittel pro Jahr und Kopf weggeworfen. Davon gelten 61% als vermeidbar, 40% sind ungeöffnet und nicht angerührt.
In Deutschland werden jährlich 500.000 Tonnen Brot weggeworfen.
In Europa drei Millionen Tonnen im Jahr - davon schon ca. 20% direkt in der Bäckerei.
Dazu gibt es in dem Buch „Die Essensvernichter –warum die Hälfte unserer Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist“ einen interessanten Bericht von dem Nachhaltigkeits-Bäcker Schüren.
Salatbauern haben teilweise Kooperationsverträge mit dem Großhändler und ernten nur exakt die Mengen, die angefordert werden. Der Rest wird nicht einmal geerntet, sondern direkt untergepflügt.
50% von Frühkartoffeln werden meist noch auf dem Feld aussortiert, zu groß, zu klein, eine Delle hier, eine unrunde Form dort.

Das will der Verbraucher nicht – das sagen zumindest Händler und Supermärkte

Leider bieten die wenigsten Kartoffelbauern Nachlese für alle an, was früher ganz normal war. Da gab es dafür sogar schulfrei und Kartoffelferien.
Übrigens: die EU-Normen für z.B. Gurken beinhalten zwölf Kriterien. Ernährungsqualität, Geschmack und Inhaltsstoffe sind allerdings nicht dabei.
Und – was kaum jemand weiß –sind diese Einschränkungen seit 2009 aufgehoben. Krumme Gurken sieht man trotzdem selten.
„Das will der Verbraucher nicht“, das sagen zumindest Händler und Supermärkte.
Andere schieben es auf die Verpackung: Krumme Gurken passen nicht in die Kiste.
Regelmäßig im Obstregal zu sehen sind dafür neuerdings exotische Früchte wie z.B. die Drachenfrucht. Sie wird zwar selbst in den Ursprungsländern kaum verzehrt, dafür aber klimaschädlich zu uns eingeflogen und fast ausschließlich zur Dekoration verwendet – geschätzte 80% davon wandern in den Müll.

Müll fällt aber natürlich nichBildquelle: pixabay.comt nur zu Hause und in den Supermärkten an:
40% der Erntemengen werden vernichtet, 35% allein wegen Unterbrechung  der Kühlkette. Aber vernichtet wird auch wegen falschgedruckter Etiketten, defekter Verpackung und verschmutztem Label.
Und wenn ein Pfirsich angefault ist, geht gleich die ganze Kiste zum Müll. Das Aussortieren wäre einfach zu teuer. Bananen beispielsweise müssen nicht nur die richtige Größe und Krümmung aufweisen. Wenn nicht die richtige Anzahl am Strunk ist, werden sie dennoch weggeschmissen.
Eine unglaubliche Verschwendung!
Der Importeuer will das so, weil der Handel es so will und weil der Verbraucher es angeblich auch so will.
Gleichzeitig werden Umweltaktivisten wegen Diebstahl angezeigt, wenn sie sich die oft noch guten Lebensmittel aus den Müllcontainern holen.

Beim Schulmittagessen gehen 30% in den Müll, bei Kantinen geht man von mind. 20% aus.
Gewerblicher Speisemüll darf nicht mal mehr verfüttert werden (angeblich aus Angst vor Seuchen). Dabei könnte man das Abtöten von Keimen durch Erhitzen gewährleisten.
Da nimmt man lieber das importierte Soja-Kraftfutter für die Mast – schon 90% der Sojaernte weltweit geht in die Massentierhaltung – auch zu Lasten der Regenwälder.

Ganz nebenbei geht es auch ums Trinkwasser:1 kg Weizen braucht 1100 Liter Wasser,
1 kg Rindfleisch braucht 16.000 Liter Wasser. Daher geht ¼ des weltweiten Wasserverbrauchs für die Produktion von Lebensmitteln drauf, die dann aber auf dem Müll landen.
50% des gesamten Trinkwasserverbrauchs gehen in die Massentierhaltung.
Und allein die Nutztiere der USA produzieren 130 x mehr Gülle als die gesamte Menschheit. Die Auswirkungen auf unser Klima sind bekannt. Außerdem produziert Lebensmittelmüll 15% der weltweiten Methan-Emissionen. Methan gibt als Klimakiller und wirkt 25 Mal schlimmer als CO2.


Deshalb trägt Lebensmittelmüll mehr zum Klimawandel bei als der gesamte Verkehr!

Also, was tun?
Natürlich ist hier auch die Politik gefragt.
Landgrabbing und Spekulationen mit Rohstoffen müssten geregelt, Ernährungsampeln oder CO2-Fußabdruck-Angaben auf Lebensmitteletiketten eingeführt werden.
Auch der Handel müsste Verantwortung übernehmen: Günstiges Abend-Brot, Obst- und Gemüse-Angebot gen Ladenschluss ausdünnen, Rabatte auf Waren kurz vor Ablauf der Mindesthaltbarkeit, kleinere Verpackungsgrößen, Vermeidung von nimm 2 zahl 1 Angeboten. Restaurants könnten S / M / L  Portionen anbieten. Möglichkeiten gibt es viele, aber wie immer sollten wir bei uns selbst anfangen.


Konsumentendemokratie – ja klar!

Abstimmen mit dem Kassenzettel , jeden Tag, bei jedem Einkauf
Es wird Zeit für ein neues Bewusstsein, auch in unseren Köpfen. Wir sollten nicht mehr nur über Solarlampen oder Hybridautos nachdenken. Durch bewusste Ernährung und Müllvermeidung können wir viel mehr am Klimawandel drehen.
Wenn ich nochmal kurz vor Ladenschluss vor halbleeren Brotregalen stehe, werde ich mich nicht mehr darüber ärgern, sondern mich freuen und denken, super – da hat wieder einer etwas kapiert.
Gezielter einzukaufen und nur kaufen, was wir brauchen. Essensplan und Einkaufsliste erstellen, Omas alte Rezepte zur Resteverwertung wieder rauskramen und Ausschau halten nach krummen Gurken, schiefem Spargel oder unrunden Kartoffeln.
Und wenn es mal wieder heißt: das wollen die Verbraucher nicht – doch wollen wir!

 

 

image source: pixabay.com