19.05.2016 - 15:15

Josef Riegler über den „ökosozialen Papst“

 

Von Al Gore bis Hans-Dietrich Genscher haben bereits viele bedeutende Persönlichkeiten erkannt, dass unsere Welt einen grundlegenden Wandel hin zu einer Welt in Balance braucht, um die großen Probleme zu bewältigen vor die uns der Klimawandel stellt. Nun bekommt diese Reihe weiteren sehr prominenten Zuwachs, Papst Franziskus persönlich setzt sich in seiner im Mai 2015 erschienen Schrift „Laudatio si“ sowie in mehreren Reden, vor der UN oder bei der Verleihung des Karlspreises für eine nachhaltigere Wirtschaftsweise ein. Damit drückt er genau das aus, was ein globaler Marshall Plan erreichen soll, wie Josef Riegler, ehem. österreichischer Vizekanzler und Ehrenpräsident des Ökosozialen Forums,  in einem Interview zur nachhaltigen Ausichtung des Papstes in der österreichischen Zeitung Kathpress erklärte.

 

Bereits vor 25 Jahren schrieb Papst Johannes Paul II. in seiner Sozialenzyklika „Centesimus annus“: „Die westlichen Länder laufen Gefahr, im Scheitern des Kommunismus den einseitigen Sieg ihres Wirtschaftssystems zu sehen, und kümmern sich daher nicht darum, an ihrem System die gebotenen Korrekturen vorzunehmen.Angesichts der etlichen Krisen von Finanzkrise bis Schuldenkrise scheint dieser Satz nahezu prophetisch. Deshalb sind auch für Papst Franziskus solche Korrekturen dringend nötig, denn, wie er in seiner Rede bei der Karlspreisverleihung sagte, träumt er von einer Welt, in der „junge Leute die reine Luft der Ehrlichkeit atmen, die nicht verschmutzt ist vom Konsumismus". Dabei zielt er allerdings nicht auf den Kommunismus als Alternative ab, sondern auf einen dritten Weg einer ökosozialen Marktwirtschaft, wie Riegler erklärt.

 

Eine solche will eine Synthese zwischen leistungsfähiger Marktwirtschaft, sozialer Solidarität und ökologischer Nachhaltigkeit unter Respektierung der unterschiedlichen Kulturen sein. Denn wie es Franziskus in seiner „Laudatio si“ feststellt, gibt es nicht zwei nebeneinander existierende Krisen der Umwelt und der Gesellschaft, sondern nur eine komplexe sozio-ökologische Krise. Zur Lösung dieser Krise bedarf es eines „ganzheitlichen Zugangs, um die Armut zu bekämpfen, den Ausgeschlossenen ihre Würde zurückzugeben und sich zugleich um die Natur zu kümmern.“

 

Bis sich das ökosoziale Denken jedoch in der Praxis durchsetzt, ist es allerdings noch ein weiter Weg, wie Riegler betont. Zu stark ist der Widerstand der Profiteure des bisherigen Systems „zumal die Politik die Gestaltung aus der Hand gegeben hat“. Oder wie es der Papst ausdrückt, „die mehr Ressourcen besitzen sowie ökonomische oder politische Macht, scheinen sich vor allem darauf zu konzentrieren, die Probleme zu verschleiern oder ihre Symptome zu verbergen“. So prangerte er im September 2015 bei seiner Rede zum Auftakt des UN-Gipfels für nachhaltige Entwicklung an, dass „unsere Umwelt […] zugunsten wirtschaftlicher Interessen vernachlässigt“ wird. Dabei sei eine intakte Umwelt ein Grundrecht für alle Menschen und ihrer Schädigung damit auch eine Schädigung der Menschheit und vor allem der Schwächsten der Gesellschaft. Abgesehen davon existiert für Franziskus ohnehin „ein Recht der Umwelt“, als „gemeinsames Haus“ aller Kreaturen sollte sie bessergeschützt werden, wie er in „Laudatio si“ schreibt.

 

Doch Franziskus prangert nicht nur Missstände an, so betont Riegler, sondern gibt in seiner “Laudatio si“ auch eine ganz klare Orientierung, wie eine Welt ohne permanentes Wirtschaftswachstum aussehen könnte. Dabei handelt es sich ohne Frage um eine große Herausforderung, denn es geht „um den größten kulturellen Wandel in der bisherigen Geschichte – um den Umstieg von einer “ZIVILISATION DES RAUBBAUES” hin zu  einer “ZIVILISATION DER NACHHALTIGKEIT”, die auf Dauer mit dem Natursystem unseres Planeten verträglich ist.“ Dafür benötigt es einen totalen Umstieg in Technologie und Lebensweise. Wichtige Eckpfeiler sind laut Riegler eine auf Sonnenenergie beruhende Energieversorgung, die nachhaltige Nutzung erneuerbarer Ressourcen, statt eines Raubbaus begrenzter Ressourcen sowie vor allem aber eine radikale Änderung der Gesinnung von einem „niemals genug“ zu einer Zivilisation des „genug“. Doch Riegler erkennt auch an, dass die Weltgemeinschaft bereits wichtige zukunftsweisende Signale gegeben hat. Dazu zählt er die 2015 beschlossenen Sustainable Development Goals der UN, das Pariser Klimaabkommen sowie das Konzept der “Green and Inclusive Economy” zu dem sich mittlerweile viele globale Institutionen bekennen.

 

All diese Bausteine für eine nachhaltigere Zukunft können nach Riegler aber nur dann tatsächlich wirken, wenn sich die Menschheit abkehrt „von Materialismus und Gier getriebenem Handeln, [und hinwendet] zu einer dem Menschen würdigen Ethik.“ Ohne Frage ist so ein Wandel dringend nötig, denn wie Franziskus schreibt, „Niemals haben wir unser gemeinsames Haus so schlecht behandelt und verletzt wie in den letzten beiden Jahrhunderten."

 

Von Marc Dengler

 

Weitere Informationen:

http://www.sueddeutsche.de/politik/weltklimagipfel-der-papst-unterstuetzt-den-klimaschutz-mit-einem-paar-schuhe-1.2758071

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-09/franziskus-papst-rede-vereinte-nationen-usa

http://www.sueddeutsche.de/panorama/umwelt-enzyklika-papst-franziskus-wird-zum-gruenen-1.2523111

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/papst-franziskus-fordert-in-laudato-si-globale-umkehr-13651991.html

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-05/papst-franziskus-karlspreis-fluechtlinge-rede

http://www.eco-world.de/scripts/basics/econews/basics.prg?a_no=31430

https://www.greenpeace-magazin.de/tickerarchiv/die-wichtigsten-zitate-aus-der-umwelt-enzyklika-von-papst-franziskus

http://de.radiovaticana.va/news/2016/05/06/die_papst-ansprache_im_wortlaut_was_ist_mit_dir_los,_europa/1227938