12.06.2013 - 12:00

Ist die Welt zu retten?

Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Unterstützer der Initiative, bei den dritten Ulmer Hochschultagen

Es ist gut, im Bio-Laden einzukaufen, wenig Fleisch zu essen, seltener zu duschen, die Stand-By-Geräte auszuschalten, das Auto stehen zu lassen und den Bus zu nehmen. Es ist gut für die Umwelt und fürs Gewissen. "Aber es reicht nicht."

Prof. Ernst-Ulrich von Weizsäcker muss es wissen. Schließlich ist der Neffe des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ein anerkannter Naturwissenschaftler, Nachhaltigkeitsforscher, Politiker (SPD) - und seit 2012 auch einer von zwei Präsidenten des Club of Rome, jener Organisation, die mit ihrem 1972 publizierten Bericht "Die Grenzen des Wachstums" die westliche Lebensphilosophie des Immerhöherimmermehr erstmals grundsätzlich in Frage stellte und so einer weltweit aufkeimenden Umweltbewegung das intellektuelle Rüstzeug lieferte.

Zum Auftakt der nunmehr dritten Ulmer Hochschultage "Ökosoziale Marktwirtschaft und Nachhaltigkeit" sprach Weizsäcker am Freitagabend im Ulmer Stadthaus. Der große Publikumsandrang war auch, aber nicht nur seiner Prominenz geschuldet. Erstmals hatten die Initiatoren, federführend das Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW) um Prof. Franz Josef Radermacher, den Weg in die Stadtmitte gewählt, um eine größere Zuhörerschaft anzusprechen. Die weiteren Veranstaltungen der Hochschultage - unter anderem mit dem zu einem vehementen Kritiker des Marktradikalismus avancierten ehemaligen CDU-Generalsekretär Heiner Geißler - fanden am Samstag in gewohnter Manier auf dem Uni-Campus am Oberen Eselsberg statt.

Wenn ökologisch korrektes Verhalten allein die Welt nicht vor Klimakoller, Rohstoffausplünderung, Hunger und Co. rettet, was dann? Weizsäcker sieht den wichtigsten Schritt zur Lösung in der Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch.

Diese Entkopplung sei durch innovationsbedingte Steigerung von Produktivität und Effizienz technisch machbar, habe in der Menschheitsgeschichte bislang aber nie stattgefunden. "Unser Wohlstandswachstum war immer an zusätzlichen Verbrauch gekoppelt." Verschärft gelte dies für die "60 Jahre des Wahnsinns", jene Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn des 21. Jahrhunderts, in dem der "American Way of Life" zu einem weltweiten Siegeszug ansetzte.

Die Ursache für das Scheitern dieser Entkopplung sieht der Physiker im so genannten Reboundeffekt: Je effizienter etwas wird, desto mehr macht man Gebrauch davon. Einfacher ausgedrückt: Verbraucht ein Auto nur noch zwei Liter Benzin auf 100 Kilometer, wird eben mehr gefahren, genauso, wie die vierspurige Autobahn mehr Verkehr anzieht als eine Landstraße.

Gleichwohl hält Weizsäcker Entkopplung für machbar. Um den Reboundeffekt zu unterbinden, bedürfe es allerdings politischer Steuerung. "Energie- und Ressourcenpreise müssen parallel zur Steigerung der Effizienz erhöht werden." Energie und Rohstoffe würden so zwar immer teurer, gleichzeitig entfiele aber der Anreiz zum permanenten Mehrkonsum. Um die Verteuerung sozialverträglich zu gestalten, schlägt Weizsäcker, der eine Verfünffachung der Ressourcenproduktivität für möglich hält, Sozialtarife für Einkommensschwache vor.

Dem Club-of-Rome-Präsidenten ist bewusst: "Die Märkte allein können das nicht regeln". Ebenso weiß er, dass nationale politische Alleingänge in einer globalisierten Welt nicht funktionieren. "Das ist wie beim Mikado. Wer sich zuerst bewegt, hat verloren." Dennoch hält er eine übernationale "Allianz für Klima und Langfristigkeit" für wahrscheinlich und erfolgversprechend. Der 73-Jährige setzt dabei vor allem auf Europa und China, die gemeinsam Front machen müssten gegen die "Dominanz der anglo-amerikanischen Denkweise". Vom britischen Philosophen Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert ("Der Mensch als egoistisches Biest") bis zum neuzeitlichen US-Ökonomen Milton Friedman ("Der Staat darf nicht in Märkte eingreifen") reiche diese unselige Spur, die letztlich zu einer Verrottung von Infrastruktur und Bildungswesen führe.

Irgendwann werde man das auch an der Wall Street begreifen, glaubt Ernst-Ulrich von Weizsäcker. "Dann wird auch der US-Kongress, das langsamste Parlament der Welt, reagieren."

(Quelle: Suedwestpresse)