26.05.2014 - 12:31

Teil 3: "Kann die 2°C Obergrenze noch eingehalten werden?" - Ansätze für einen neuen Klimavertrag

In Teil 3 unserer Zusammenfassung verweisen wir auf das Diskussionspapier von Herrn Prof.Dr.Dr.F.J.Radermacher "Kann die 2°C Obergrenze noch eingehalten werden?" - Ansätze für einen neuen Klimavertrag

 

Fassung vom 24.04.2014 - hier eingestellt mit Erlaubnis von Herrn Prof.Dr.Dr.F.J.Radermacher - durch die Lokalgruppe München II

 



Einleitung

Der vorliegende Text beschreibt mit Blick auf die laufenden Klimaverhandlungen und den dort verabredeten „Fahrplan“ einen Vorschlag für einen Weltklimavertrag Ende 2015, der 2020 in Kraft treten soll, mit dem die 2°C-Obergrenze noch eingehalten werden kann, auch bei weiterem moderatem wirtschaftlichem Wachstum in den Industrieländern und raschem (aufholendem) Wachstum in der übrigen Welt. Die vorgestellten Überlegungen stellen eine Weiterentwicklung eines Vorschlags des Autors zur Erreichung eines neuen Klimavertrags dar [11], der auf einen umfangreichen FAW/n Report zum Thema aus 2010 aufbaut [9], der u. a. für den Senat der Wirtschaft e. V. zum Thema Klimaschutz erarbeitet wurde.
Neuerungen beziehen sich auf kritische Einwände der Teilnehmer eines Workshops im September 2013 am IASS Institut in Potsdam unter Leitung von Prof. Töpfer zum ursprünglichen Vorschlag des Autors [12]. Eingeflossen sind in diesen Text zudem die Erfahrungen aus dem durch den Senat der Wirtschaft und die World Forest Foundation mit Unterstützung durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) am 20.03.2014 in Berlin durchgeführten Entscheiderkongress „Für Wirtschaft und Gesellschaft. Mehr Wert durch mehr Wald“.

Die Weiterentwicklung des Vorschlags aus [11] schwächt die erforderlichen politischen Entscheidungen und damit die Rigorosität eines möglichen Weltklimavertrags gegenüber dem Ausgangsvorschlag in entscheidenden Punkten ab. Es wird insbesondere nicht mehr unterstellt, dass sich die Staaten der Welt in den nächsten Jahren auf ein globales Cap-and-Trade-System auf Basis der Kopenhagen-Formel einigen werden: Allerdings bleibt es bei einer Grundstruktur des Abkommens gemäß der (auf einen US-Chinesischen Kompromiss zurückgehenden) sog. Kopenhagenformel: Industrieländer senken ihre Emissionen absolut, Nicht-Industrieländer relativ zu ihrer wirtschaftlichen Wachstumsrate ab. Staaten legen dabei ihre jeweiligen Reduktionsziele (Pledges) individuell und unabhängig voneinander fest. Ein Green Climate Fund von mindestens 100 Milliarden US $ pro Jahr, finanziert durch die Industrieländer, zur Unterstützung von klimabezogenen Maßnahmen in den übrigen Ländern, ist ein weiteres wesentliches Element des Pakets. Dies alles adressiert in geeigneter Weise Gerechtigkeitsfragen zwischen den Staaten in Bezug auf die Klimafrage, nämlich die in der öffentlichen Debatte zum Thema dominierende erste Gerechtigkeitsdimension im Kontext Klimaproblematik. Insgesamt resultiert aus der Kopenhagen-Formel ein dynamisches weltweites Cap, das temporär noch wachsen kann, parametrisiert anhand der wirtschaftlichen Wachstumsraten der Nicht-Industrieländer.

Im Ursprungsvorschlag [11] wurde bei dieser Ausgangssituation angenommen, dass das beschriebene Konstrukt in ein weltweites Cap-and-Trade-System überführt werden könnte. Dies wurde in dem schon erwähnten IASS-Workshop als politisch nicht konsensfähig eingeschätzt. Deshalb wird im vorliegenden Text nur noch die schwächere Forderung zugrunde gelegt, dass die Staaten der Welt ihre Zusagen im Rahmen der Kopenhagen-Formel über unterschiedliche Umsetzungsmechanismen implementieren, die wahrscheinlich nicht in ein einheitliches Cap-and-Trade-System integriert werden können. Individuelle Umsetzungsbausteine auf staatlicher Ebene können von einer Carbon Steuer über die Forcierung technischer Standards bis hin zu regionalen/nationalen Cap-and-Trade-Systemen (wie dem Europäischen Zertifikatesystem) reichen. Zusätzlich wird akzeptiert, dass es wahrscheinlich kein international abgestimmtes und kontrolliertes einheitliches Mess- und Überwachssystem für Emissionen geben wird. In der Folge wird beschrieben, wie der in [11] entwickelte Vorschlag so modifiziert bzw. angereichert werden kann, dass die beschriebenen Restriktionen eingehalten werden (für detaillierte Hinweise vgl. [12]).

 



Zusammenfassend:

Ausgehend vom internationalen Diskussionsstand nach dem Abschluss der Vorbereitungskonferenz in Warschau 2013 wird das Grunddesign eines Klimaabkommens beschrieben, das einerseits von der „Verhandlungsmechanik“ und der Ausgangsituation her als möglich erscheint, und das es andererseits noch erlaubt, die 2°C-Obergrenze einzuhalten. Dabei wird versucht, alle im Rahmen des Potsdam-Workshops genannten zusätzliche Restriktionen bzw. Anforderungen an ein Klimaabkommen (über die Annahmen in [11] hinaus) zu berücksichtigen. Zugleich wird versucht, die teilweise sehr unterschiedlichen Interessen der verschiedenen Staaten in Betracht zu ziehen und ebenso die „verfahrene Verhandlungssituation“ und der enge verbliebene Zeitrahmen bis Ende 2015.

 



Grundsätzliche Überlegungen zu einem neuen Vertragsentwurf

Im Folgenden wird ein pragmatischer Vorschlag für einen Weltklimavertrag vorgestellt. Er baut konsequent auf der unten beschriebenen „Kopenhagen-Formel“ auf und sieht diese positiv. Ein besseres Ergebnis ist nicht zu erwarten und dieses Ergebnis war ein großer Schritt nach vorne. Natürlich wäre ein solcher Vertrag alleine nicht ausreichend, um die 2°C Obergrenze einzuhalten. Hierfür sind dann weitere Element erforderlich. Stärker als in der Literatur meist, wird dazu auf das Potential von Negativemissionen (u. a. zum Zeitgewinn) gesetzt. Ferner wird eine weitgehende Arbeitsteilung zwischen Politik und dem Privatsektor (Unternehmen, Organisationen, Individuen) notwendig und wird deshalb konzeptionell angestrebt.
Dabei leistet der Privatsektor zwei große Beiträge: Er bezahlt (Staaten) direkt oder indirekt dafür, dass weniger Emissionen auf dem Territorium eines Staates erfolgen, als gemäß Weltklimavertrag zulässig wären (z.B. durch „Stilllegung“ von Emissionsrechten) – hier geht es aufaddiert um vielleicht 250 Milliarden Tonnen CO2 bis 2050 - und er zahlt für „Negativemissionen“ (dabei geht es ebenfalls aufaddiert um bis zu 250 Milliarden Tonnen vermiedene CO2-Emissionen bis 2050, die der Atmosphäre wieder entzogen werden). Dies geschieht insbesondere durch biologische Sequestrierung, primär in Form großflächiger Aufforstung auf degradierten Böden in den Tropen, aber ebenso in Form von Grünlandmanagement mit forcierter Humusbildung und über den Erhalt bzw. die Reaktivierung und das Management von Feuchtgebieten.


Ein zentrales Element zur Ermöglichung dieses großen sachlichen und finanziellen Beitrages ist die Idee freiwilliger Klimaneutralität wichtiger Akteure (Organisationen, Unternehmen, Privatpersonen) vor dem Hintergrund einer zunehmenden „Moralisierung der Märkte“ [13] und einer immer stärkeren CSR-Orientierung von Markenunternehmen in Wechselwirkung mit intelligenten und leistungsstarken Konsumenten (z.B. den sogenannten LOHAS) im Kontext eines Sustainable Marketing Management [6]. Diese Idee fördert zudem den technischen Umbau der Zivilisation durch Reduktion von Emissionsrechten und dazu korrespondierend ein Green Race im Bereich klimafreundliche Technologien und kann wesentlich zur Füllung des Green-Climate-Fund zugunsten sich entwickelnder Staaten beitragen, der ab 2020 (mindestens) 100 Milliarden USD pro Jahr betragen soll und dessen Finanzierung bis heute unklar ist. Ein weiterer Finanzbeitrag betrifft die Förderung sich entwickelnder Länder, z. B. im Kontext von Aufforstprojekten zur Erzeugung von Negativemissionen, die in manchen Aspekten den Charakter eines Global Marshall Plans haben [8]. Dies ist eine der tragenden Ideen der höchst erfolgreichen Kinder- und Jugendinitiative Plant-for-the-Planet zum Thema [3]. Über die (freiwillige) Klimaneutralität vieler ökonomisch leistungsstarker Akteure kommt neben der unterschiedlichen Verantwortung zwischen Industriestaaten und Nicht-Industriestaaten zugleich eine wichtige 2. Gerechtigkeitsdimension zum Tragen, nämlich die unterschiedliche Verantwortung leistungsstarker Konsumenten – und ihrer Lieferanten – in Klimafragen im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung [2]. Dabei ist zu beachten, dass sich diese leistungsstarken Konsumenten (etwa 2 % der Weltbevölkerung) mit teils sehr hohen Emissionsvolumina von bis zu 100 Tonnen pro Jahr und mehr, überall auf der Welt befinden, also auch in sehr armen Ländern. Gerade in solchen Ländern finden sich nämlich zum Teil extrem wohlhabende Personen.


Es sei an dieser Stelle hervorgehoben, dass aus Sicht des Autors die Reduktion von bestehenden Emissionsrechten zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft und die Finanzierung von Negativemissionen durch leistungsstarke Akteure des Privatsektors (Organisationen, Unternehmen und Privatpersonen), die sich klimaneutral stellen wollen, ein entscheidender Ansatzpunkt ist, wenn die 2°C-Obergrenze noch eingehalten werden soll [1,4, 11]. Indirekt zahlt dann vor allem das reiche Premiumsegment, also die global leistungsstärksten Konsumenten und ihre Unternehmen für den „Umbau der Zivilisation“. Dies betrifft, wie angedeutet, neben der Nord-Süd-Thematik eine zweite wichtige Gerechtigkeitsdimension, die bei der Lösung des Klimaproblems berücksichtigt werden muss [2]. Noch deutlicher: Der deutsche Hartz IV-Empfänger kann nicht die Klimakosten für den Lebensstil des indischen Milliardärs bezahlen. Dies wird keinen Konsens finden. Verwiesen sei dazu auf die wichtige Erkenntnis aus [2], dass die 2°C-Obergrenze noch vergleichsweise einfach eingehalten werden könnte, wenn alle Menschen ihre heutigen individuell zurechenbaren Klimagasemissionen beibehalten würden, sofern diese unter 8 Tonnen pro Jahr liegen und ansonsten bei maximal 8 Tonnen pro Jahr nach oben begrenzen würden. Die Premiumkonsumenten, die teilweise über 100 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr verursachen, sollten sich deshalb im Klimaschutz freiwillig besonders engagieren. Sich individuell und freiwillig klimaneutral zu stellen, ist dafür ein attraktives (und bezahlbares) Angebot. Dies war ein zentrales Thema in [11, 12] und wird in der Folge weiter ausgeführt. Der erforderliche Beitrag des Privatsektors könnte, aufaddiert bis 2050, bilanziell ein Volumen von vielleicht 500 Milliarden Tonnen CO2- Emissionsvermeidung bzw. -entzug aus der Atmosphäre ausmachen. Die Kosten dafür könnten bei etwa 5000 Milliarden USD liegen, also bei etwa 140 Milliarden USD pro Jahr. Das ist spürbar, aber für diese Gruppe verkraftbar. Besonders betroffen sind direkt oder indirekt vor allem etwa 2% der Weltbevölkerung, nämlich die Bezieher der höchsten Einkommen, nämlich direkt oder indirekt mit durchschnittlich etwa 1000 Euro pro Kopf und Jahr. Offenbar reicht das so erwirtschaftete Finanzvolumen aus, um über Zahlungen für Stilllegungen den Green-Climate-Fund weitgehend zu füllen.

 



Bilanzen, Emissionsverläufe, Potentiale – Vertragsbausteine

Der folgende Ansatz fragt nach der Struktur eines möglichen Klimavertrages in 2015, der ab 2020 gelten soll und nach möglichen Maßnahmen für die Zeit bis 2020. Hierzu wird eine graphische Abbildung zu erwartender bzw. wünschenswerter und unter Einsatz verschiedener Instrumente erreichbarer Emissionsverläufe zugrunde gelegt (vgl. Abb.1). Hierbei handelt es sich um eine Weiterentwicklung der entsprechenden Abbildung aus [11]. Sie umfasst 4 Kurven: (1) die rote „No-contract“-Kurve, (2) die schwarze (erwartete) Vertragskurve, (3) die blaue (pragmatische) Grenzreduktionskurve sowie (4) die grüne 2oC-Kurve. Der Verlauf der No-contract-Kurve ist bis 2040 weitgehend kompatibel mit den Aussagen des kürzlich erschienenen International Energy Outlook 2013 [17]. Die 2°C-Kurve orientiert sich an der sogenannten WBGU-Budgetgleichung [16]. Die Kurvenstruktur ist generisch. Die beschriebenen, angenäherten Verläufe sind grundsätzlich zwingend, wenn die 2°C-Obergrenze, egal auf welche Weise, eingehalten werden soll. Die zentrale Frage ist dann: Wird das Klimaproblem gelöst und wie sehen die exakten Verläufe der genannten Kurven in der Realität aus? 

Angegeben sind hier nur Prinzipverläufe.




1. Kopenhagen-Formel als Grundlage
Der Vertragsvorschlag orientiert sich wie schon der ursprüngliche Vorschlag an der Kopenhagen- Formel: Industrieländer senken ihre Emissionen absolut, Nicht-Industrieländer relativ zu ihrer wirtschaftlichen Wachstumsrate ab. Staaten legen dabei ihre jeweiligen Reduktionsziele (Pledges) individuell und unabhängig voneinander fest. Ein Green Climate Fund von mindestens 100 Milliarden US $ pro Jahr, finanziert durch die Industrieländer, zur Unterstützung von klimabezogenen Maßnahmen in den übrigen Ländern, ist ein weiteres wesentliches Element des Pakets. Es besteht die Hoffnung, dass gewisse Absprachen auch bereits den Zeitraum 2016-2020 betreffen.

 

2. Resultierendes dynamisches Cap
Aus der Umsetzung der Kopenhagen-Formel resultiert ein dynamisches weltweites Cap (die schwarze Vertragskurve (2)), das temporär noch wachsen kann, parametrisiert anhand der wirtschaftlichen Wachstumsraten der Nicht-Industrieländer.

 

3. Inhomogener Instrumentensatz auf Regierungsseite
Gemäß Potsdam-Workshop kann für 2020 kein homogenes, globales Cap-and-Trade- System erwartet werden. Stattdessen wird ein inhomogener Instrumentensatz auf Seiten der Staaten zur Durchsetzung ihrer Vertragszusagen berücksichtigt, der folgende Punkte umfasst:

  • Regionale Cap-and-Trade-Systeme
  • Carbon-Tax
  • Waldschutz und Aufforstung
  • Förderung erneuerbarer Energien
  • Durchsetzung energetischer Sanierung
  • Energie-Mix-Vorgaben
  • Investitionsförderung im Bereich Sanierung
  • Eingriffe im Energiesektor
  • Bilanzierung fossiler Energieträger
  • Förderung eines klimaorientierten Green-Race auf der Technikseite


4. 500 Milliarden Tonnen erwartetes Absenkvolumen

Auf der beschriebenen Basis wird erwartet, dass die Politik über den beschriebenen Weltklimavertrag bis 2050 eine Absenkung der für den „Non-contract-Fall geschätzten 1600 Milliarden Tonnen Gesamtklimagasemissionen aus fossilen Quellen um etwa 500 Milliarden Tonnen auf dann noch 1100 Milliarden Tonnen leisten kann gegenüber dem Fall, dass es zu keinem Weltklimavertrag kommt. (Übergang von der No-contract-Kurve (1) zur Verhandlungskurve (2) in Abb. 1).


5. Fortführung bewährter Instrumente
Vorgeschlagen und unterstellt wird eine Anpassung und Fortführung der bewährten Instrumente Emission Trading, Joint Implementation und CDM des Kyoto-Vertrags unter den neuen Randbedingungen als Teil des Weltklimavertrags.


6. Zentrale Einbindung des Privatsektors
Das nach Regierungshandeln erwartete aufaddierte Volumen an CO2 Emissionen aus fossilen Quellen von 1100 Milliarden Tonnen bis 2050 liegt immer noch um etwa 500 Milliarden Tonnen oberhalb des Wertes von etwa 600 Milliarden Tonnen, der aufgrund der WBGU Budgetgleichung [16] noch kompatibel wäre mit der Einhaltung der 2°C-Obergrenze. Hier ist in Arbeitsteilung mit der Politik der Privatsektor (Unternehmen, Organisationen, Privatpersonen) massiv gefordert, diese Lücke durch freiwillige Maßnahmen zu schließen, wie auch im ursprünglichen Vorschlag des Autors unterstellt. Die Politik muss hierfür den Rahmen bieten, einerseits durch die beschriebene dynamische Deckelung der Gesamtemissionen auf zunächst etwa 1100 Milliarden Tonnen, andererseits durch Ermöglichung bzw. Förderung von Aktivitäten des Privatsektors zur Schließung der Restlücke. Das betrifft z. B. die steuerliche Behandlung solcher Beiträge als Betriebsausgaben von Unternehmen. Die freiwilligen Beiträge des Privatsektors sind von entscheidender Bedeutung, wenn die 2°C Obergrenze noch eingehalten werden soll. Volumenmäßig müssen sie etwa denselben Umfang ausmachen wie der unmittelbare Beitrag der Politik, also etwa 500 Milliarden Tonnen bis 2050. Für den Privatsektor bestehen insbesondere die beiden nachfolgend beschriebenen Ansatzpunkte für entscheidende Beiträge zum Klimaschutz, nämlich „Stilllegung“ vom Emissionsrechten und „Erzeugung von Negativemissionen“.


7. „Stilllegung“ durch den Privatsektor
Freiwillige Aufbringung von Finanzmitteln durch den Privatsektor, um in Wechselwirkung mit den Staaten die zulässigen Emissionen weiter abzusenken, z.B. durch Stilllegung von Emissionszertifikaten in einem regionalen Cap-und-Trade-System. Dies ist potenziell möglich, so lange das abgesenkte Emissionsniveau noch mit weiterem (mäßigen) Wirtschaftswachstum in den OECD-Staaten und raschem, aufholendem Wachstum in den übrigen Staaten verträglich ist. Dieser Punkt ist für die politische Seite des Themas zentral [10, 14]. Wahrscheinlich wird es nicht gelingen, dieses geschätzte Potenzial von vielleicht 300 Milliarden Tonnen bis 2050 voll auszuschöpfen, da die präzise Fixierung des vorhandenen Potentials (sogenannte Grenzreduktionskurve) schwierig ist. Denkbar und pragmatisch umsetzbar erscheinen aber etwa 250 Milliarden Tonnen so vermiedene Emissionen bis 2050 (Absenkung der  Verhandlungskurve (2) zur (pragmatischen) Grenzreduktionskurve (3) in Abb. 1). Die hier bestehenden Ansätze und Überlegungen zur Vorgehensweise finden sich in [12].


8. Erzeugung von „Negativemissionen“ durch den Privatsektor
Freiwillige Finanzierung der Erzeugung von Negativemissionen. Durch Negativemissionen wird der Atmosphäre CO2 entzogen. Dies kann insbesondere über biologische Sequestrierung geschehen. Dazu gehören ein wirksamer Waldschutz, Grünlandmanagement, Management von Feuchtbiotopen und insbesondere internationale Aufforstprogramme in den Tropen. Über die Erzeugung von Negativemissionen muss eine Absenkung der Belastung der Atmosphäre im Umfang von etwa 250 Milliarden Tonnen CO2 bis 2050 geleistet werden, wenn die 2°C-Obergrenze noch eingehalten werden soll (Übergang von der (pragmatischen) Grenzreduktionskurve (3) zur 2oC Kurve (4) in Abb. 1). Dies ist sehr ambitioniert, aber bei großen Anstrengungen wohl noch machbar. Im Aufforstbereich erfordert das Gesagte die Aufforstung von 500-1000 Millionen Hektar degradierter Böden. Flächen in dieser Größenordnung sind, vor allem in den Tropen, nach Analysen des World Resources Institutes verfügbar [18].


9. (Mit-)Finanzierung des Green-Climate-Fund / Finanzierung internationaler Kooperation im Klimabereich durch den Privatsektor
Weitgehende Finanzierung des Green-Climate-Fund über Leistungen des Privatsektors [1,4], insbesondere im Kontext „Stilllegung“ (vgl. 7). Zugleich Förderung sich entwickelnder  Staaten im Rahmen von Klimapartnerschaften über die Finanzierung der Erzeugung von Negativemissionen (vgl. 8). Auf diesem Wege wird, wie oben beschrieben, insbesondere die„Gerechtigkeitslücke“ in Klimafragen zwischen Premiumkonsumenten mit pro Kopf Emissionen von weit über 8 Tonnen pro Jahr und den übrigen Bürgern geschlossen [2]. Dies ergänzt die Schließung der Gerechtigkeitslücke im Klimabereich zwischen entwickelten und sich entwickelnden Staaten durch den angestrebten Weltklimavertrag.


10. Propagierung einer Klimaneutralitätsbewegung des Privatsektors
Propagierung einer Klimaneutralitätsbewegung des Privatsektors zur breiten Umsetzung der Mechanismen „Stilllegung“ und „Erzeugung von Negativemissionen“. Es gibt heute schon eine starke Bewegung in diese Richtung im Kontext von CSR-Maßnahmen und einer Nachhaltigkeitsorientierung von Unternehmen. Dies wird durch das Einkaufverhalten aufgeklärter Konsumenten im Kontext einer „Moralisierung der Märkte“ gefördert [6,13] (Reputationsthematik).


11. Vorschlag für einen „GLOBAL NEUTRAL“ der Vereinten Nationen
Es wird angeregt, dass die Vereinten Nationen rasch ein (freiwilliges) Global Neutral Programm analog dem Global Compact initiieren. Es soll weltweit Unternehmen motivieren, sich nach einem individuellen Fahrplan innerhalb von maximal 10 Jahren klimaneutral zu stellen, freiwillig und über gesetzliche Vorgaben hinaus. Neben der Erhöhung der Energieeffizienz, der Nutzung von grüner Energie und Änderung von Verhaltensweisen bieten sich hierfür insbesondere die Instrumente „Stilllegung“ und „Erzeugung von Negativemissionen“ an. Die jährlichen Reduktionsschritte in Richtung Klimaneutralität sollen zumindest linear, möglichst noch größer sein. Dies bedeutet z. B., dass sich die Klimagasemissionen eines sich am GLOBAL NEUTRAL beteiligenden Unternehmen innerhalb der ersten 5 Jahre mindestens halbieren müssen. Das in 2013 beschlossene Klimaneutralitätsbündnis Vorarlberg ist ein gutes Beispiel für ein solches Programm.


12. Grenzausgleichsabgaben
Festlegung eines Regimes von Grenzausgleichsabgaben auf Importe in Vertragsstaaten des angestrebten Weltklimavertrags aus Staaten, die sich an einem Weltklimavertrag nicht beteiligen und zwar in einer Weise, die mit den Anforderungen der WTO kompatibel ist [5]. Auf diesem Wege verliert ein „Free-riding“ im Klimabereich seinen ökonomischen Reiz. Es ist zu erwarten, dass sich bei Verabredung von Grenzausgleichsabgaben gegen Free-rider fast alle Staaten im Rahmen eines Weltklimaabkommens beteiligen werden. Dies ist auch deshalb wichtig, weil der grenzüberschreitende, durch Handel induzierte, indirekte Austausch von Verantwortlichkeiten in Bezug auf die Erzeugung von Klimagasemissionen ständig an Bedeutung gewinnt [7]. Hinzu kommt folgendes: Auf diesem Weg kann endlich ein Carbon-Leakage-freies internationales Klimaregime erreicht werden. Dies ist heute selbst im Bereich der Europäischen Union nicht der Fall [15].

 



Danksagung

Ich danke Prof. Klaus Töpfer für die Organisation und Durchführung des Workshops im IASS in Potsdam, Herrn Dr. Karsten Sach für (kritische) Hinweise zum Inhalt, Herrn Dr. Thomas Bruhn für Hinweise zu Inhalt und Formulierungen, den Teilnehmern des Potsdam-Workshops insgesamt für viele wichtige Inputs und Frau Dr. Estelle Herlyn für die inhaltliche Durchsicht und Überarbeitung des vorliegenden Textes.

 


 

Literatur
1. Berliner Appell: Klimaneutral handeln!: Initiator Horst Emse. www.klimaneutral-handeln.de, 2012
2. Chakravarty, S., Chikkatur, A.; de Coninck, H.; Pacala, S.; Socolow, R.; Tavoni, M.: Sharing global CO2 emission reductions among one billion high emitters. PNAS Published online before print. doi:10.1073/pnas. 0905232106; PNAS July 21, 2009 vol. 106 no. 29 11884-118882009, 2009
3. Finkbeiner, F.: Baum für Baum. Jetzt retten wir Kinder die Welt. Oekom, 2010
4. Hölscher, L.; Radermacher, F. J. (Hrsg.): Klimaneutralität – Hessen geht voran. Springer Vieweg/ Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, 2012
5. Leidwein, A.: Die Umwelt im WTO-Recht. Grundlagen, Judikatur und politischer Handlungsspielraum. Agrarische Rundschau 4, 10-27, 2005
6. Meffert, H.; Kenning, P.; Kirchgeorg, M. (Hrsg.): Sustainable Marketing Management, Springer Verlag, erscheint 2014
7. Peters, G., Minx, J., Weber, Ch., Edenhofer, O.: Growth in emission transfers via international trade from 1990 to 2008, http://www.pnas.org/content/108/21/8903
8. Radermacher, F.J.: Global Marshall Plan / A Planetary Contract. For a Worldwide Eco-Social Market Economy. Global Marshall Plan Foundation (ed.), Hamburg, 2004
9. Radermacher, F. J.: Weltklimapolitik nach Kopenhagen – Umsetzung der neuen Potentiale. FAW/n-Report, Ulm, 2010
10. Radermacher, F.J.; Beyers, B.: Welt mit Zukunft – Die Ökosoziale Perspektive, Murmann erlag, Hamburg, 2011
11. Radermacher, F. J.: „Klimapolitik nach Doha – Hindernisse in Lösungen verwandeln“, in: GAIA 22/2 (2013): 87– 92, 2013
12. Radermacher, F. J.: Kann die 2-Grad-Obergrenze noch eingehalten werden? Ansätze für einen neuen Klimavertrag (Langvariante). FAW/n-Bericht, Ulm, 2013
13. Stehr, N., Adolf, M.: Sozio-ökonomischer Wandel: Der Konsum der Verbraucher, in: Meffert, H., Kenning, P., Kirchgeorg, M: Sustainable Marketing Management, Springer Verlag, erscheint 2014
14. Töpfer, K.: Klima als globale Herausforderung - CO2-neutrale Landesverwaltung Hessen: Ein spannendes und wichtiges Projekt, in: Hölscher, L.; Radermacher F. J. (Hrsg.) (2012): Klimaneutralität – Hessen geht voran. Springer Vieweg / Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Seite 21–26, 2012
15. Umweltbundesamt, Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt), Carbon Leakage: Die Verlagerung von Produktion und Emissionen als Herausforderung für den Emissionshandel?, im Internet unter: www.umweltbundesamt.de/emissionshandel (Stand 2014)
16. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): Kassensturz für den Weltklimavertrag – Der Budgetansatz, Sondergutachten, 2009
17. World carbon dioxide emissions by region, Reference case, 2009-2040, www.eia.gov/forecasts/ieo/ sowie  www.eia.gov/oiaf/aeo/tablebrowser/#release=IEO2013&subject=0-IEO2013&table=10-IEO2013&region=0-0&cases=Reference-d041117
18. World Resources Institute: Global Map of Forest Landscape Restoration Opportunities, im Internet unter: http://www.wri.org/map/global-map-forest-landsape-restoration-opportunities, Washington DC, 2010

 



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