Globalisierungskritischer Liedtext von Hagen Rether

Liedtext (von Hagen Rether):

Mit 12 Jahren ist man in Asien zu alt zum Teppich knüpfen, weil die Finger zu groß werden, du darfst aber erst mit 14 bei Nike anfangen, Turnschuhe zu kleben. Da entsteht eine Versorgungslücke von zwei Jahren, die meistens durch Prostitution gestopft wird.

O Herr, wir haben keine Ahnung von Sklavenhandel mit Kindern, Zerstörung ganzer
Volkswirtschaften durch Börsenspekulationen und Umweltkatastrophen durch
Ressourcenausbeutung.

Herr, wir wissen nichts von Hermes-Bürgschaften für Staudämme und Turnschuhproduktionen in Südostasien. Herr, die meisten von uns sind froh, wenn sie sich ihr Autokennzeichen merken können.

Kein Schwanz kennt aus dem Stegreif den Zusammenhang zwischen Aktienkursen und
Leitzinsen, wir kennen ja noch nicht einmal unsere Blutgruppe.

Herr, wir sind so degeneriert, dass wir nicht bezahlen können, weil wir uns die vierstellige EC-Karten-Nummer nicht merken konnten, Herr, wir sind so hohl wie wir voll sind.

Die anderen hoffen auf Frieden, und wir hoffen, dass man uns im Urlaub nicht entführt. Die haben Angst, dass ihre Kinder verhungern, und wir haben Angst, dass unser Deo versagt und dass man uns beim Telefonieren im Auto erwischt.

O Herr, wir kaufen ihre Frauen und behaupten, sie würden uns unsere Arbeitsplätze wegnehmen. Unsere Beichtväter sind die Steuerberater und UNICEF ist unser Ablass.

O Herr, mach hoch die Tür', die Tor' mach dick, die Mauern zu, denn es kommt ein Heer von wütenden, kleinwüchsigen Analphabeten und Hungerleidern über uns.

Die Tutsi und Hutu werden sich gemeinsam gegen uns verschwören, die nicaraguanischen Kaffeebauern und die Schafhirten aus Kaschmir und die kampferprobten Kindersoldaten aus Sierra Leone.

Sie alle werden kommen, über die NATO-Zäune krabbeln und uns hinwegfegen wie El Nino. Sie werden uns mit Basmatireis bewerfen, mit Naturreis und mit Parfümreis, mit Wildreis, mit Langkornreis, und mit Milchreis, mit Uncle Ben's Beutelreis und mit Puffreis.

Sie werden in unseren Hobbykellern Darts spielen und in unseren Swingerclubs swingen, sie werden von unseren Tellerchen essen und mit unseren blonden Töchtern in unseren Ikeabettchen schlafen.

Sie werden auf unseren Teakholzmöbeln gammeln, Cohibas rauchen, Darjeeling schlürfen und "Wer wird Millionär" gucken.

O Herr, sie werden mit unseren Geländewagen im Stau stehen und über die Ökosteuer fluchen. Herr, wie kriegen wir in ihren Dritte-Welt- Schädel 'rein, dass Du ein Aufsichtsratsvorsitzender bist?

Machen wir es uns gemütlich vor dem Herrn. Lasset uns beten!

Vater unser, der Du bist im Himmel, gereinigt werde Dein Name.
Wir sind steinreich, komm ey!
Unser Wille geschehe, wie in Chile so auch in Schweden.
Deren täglich Brot gib uns heute, und vergib Du ihnen doch ihre Schulden, wie auch wir vergeben unsere Kredite.
Und führe keine Untersuchung, sondern gib die Erlöse uns von den Börsen,
denn wir sind reich, haben die Kraft, die Herrlichkeit, und die bleiben immer, wie in Ewigkeit, die Armen.


(Aus: „Scheibenwischer: Die Silvestergala“ am 29.12.2005, ARD)

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