Leserbrief zu „Köhler: Armut bedroht Weltfrieden“ St.N./Schorndorfer Nachrichten 27.5.06 von Werner Dierlamm

Leserbrief zu „Köhler: Armut bedroht Weltfrieden“ St.N./Schorndorfer Nachrichten 27.5.06



Ich kann jeden Satz, den Bundespräsident Köhler nach dem Bericht Ihrer Zeitung auf dem Katholikentag in Saarbrücken gesagt hat, unterstreichen.

Krasse Armut führt zu revolutionären Situationen, die den inneren und äußeren Frieden bedrohen. Das Hungersterben muss ein Ende haben. Ich erinnere mich deutlich, schon in den fünfziger Jahren auf meiner ersten Pfarrstelle Berichte der Aktionsgemeinschaft für die Hungernden und später von BROT FÜR DIE WELT gelesen zu haben, aus denen hervorging, dass täglich Zehntausende verhungern. Heute weiß ich, dass dieses Hungersterben seit einem halben Jahrhundert ununterbrochen anhält. Die Zahlen, die im Jahr 2006 angegeben werden, schwanken zwischen 24 000 Hungertoten und 100 000 Menschen, die täglich an den Folgen des Hungers sterben.

Es hat immer viele Organisationen gegeben, die zum Kampf gegen den Hunger aufriefen. Die hohe Politik und die breite Öffentlichkeit haben sich in den vergangenen Jahrzehnten viel zu wenig um dieses brennende Problem gekümmert.

Es ist ein großer Fortschritt, dass der Bundespräsident die Armut zum Thema macht. Aber warum wendet er sich dabei an die Kirche? Ist es nicht die Sache der Regierungen und der Wirtschaftsmächte, dass sie die weltweite Armut überwinden? Ganz gewiss. Aber die Mächtigen in der Welt werden der Überwindung des krassen Elends nur dann Priorität in ihren Regierungs- und Wirtschaftsprogrammen geben, wenn sie nicht nur von 300 000 Nichtregierungsorganisationen dazu gedrängt werden, sondern auch von der christlichen Kirche auf Erden. Denn diese ist ihrem Wesen nach nicht nur eine Solidargemeinschaft zwischen den Reichen und den Armen, sondern zugleich eine Dienstgemeinschaft zum Wohl auch der nichtchristlichen Völker.

Von Franz Josef Radermacher, Initiator der von Stuttgart ausgehenden Global–Marshall- Plan- Initiative, stammt der Satz: „Kirche ist eine unendlich wichtige Kraft, aber was die Kirche sagt, wird nicht übersetzt in die Struktur, die verwirklicht, was die Kirche sagt“. Also müssen Christen und Humanisten das Richtige sagen, aber die Mächtigen müssen dazu gedrängt werden zu tun, was Christen und Humanisten sagen.


Werner Dierlamm evangelischer Pfarrer i.R.

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