Leserbrief zum Artikel „Globalisierung – Segen oder Fluch?“ von Peter Ludäscher
01.10.2005 SĂĽdkurier
von Martina Knappert-Hiese
Bedauerlich, dass der Redakteur sich mit dem Thema Globalisierung inhaltlich selber noch nicht weiter beschäftigt zu haben scheint, da er ansonsten die unterschiedlichen Standpunkte der Konferenz-Teilnehmer sicherlich besser dargestellt hätte. Wenn er deshalb den Beitrag Radermachers als einen „eher theoretischen Ansatz“ bezeichnet, so passt das also durchaus ins Bild.
Inzwischen sollte doch hinlänglich bekannt sein, dass die Unterscheidung von Theorie und Praxis nur unseren Denkgewohnheiten entspricht, mit denen lediglich unterschiedliche Seiten des Lebens beschrieben werden. Dieser Sachverhalt hat aber wohl auch damit zu tun, dass eine große Lücke zwischen Politik und Wissenschaft klafft und uns allen zu wenig vermittelt wird von dem, was sich in der Wissenschaft abspielt.
Radermacher gehört mit zu den geistigen Urhebern der 2003 in Frankfurt gegründeten Global Marshall Plan Initiative, die ein Konzept erarbeitet hat, mit dem sich ein Überleben aller Menschen in Frieden und Wohlstand auf diesem Planeten realisieren ließe. Wer von Globalisierung berichtet, der muss sich darüber im Klaren sein, dass dieses Phänomen nicht nur die 1,7 Milliarden Menschen des reichen Nordens betrifft, die 85% der globalen Energiereserven für ihren Lebensstil verbrauchen. Momentan sieht es ja nun einmal so aus, dass die Bevölkerung der verarmten Südhalbkugel nichts Besseres zu tun hat, als unseren Lebensstil zu kopieren und unter Einsatz ihres Lebens zu uns in den Norden zu flüchten.
Der massive Militäreinsatz Spaniens in den nordafrikanischen Enklaven vor einigen Tagen nimmt vielleicht lediglich die Zukunft mit großen Wanderungsbewegungen von Flüchtlingsströmen und unsere Reaktion darauf vorweg. Haben wir tatsächlich keine Alternative, als dem Elend unserer Mitmenschen mit kriegerischen Mitteln zu begegnen? Längst spüren wir die Folgen der Globalisierung auch bei uns, da der hier stattfindende Sozialabbau letztlich aus den veränderten Bedingungen eines ungerechten Weltwirtschaftssystems resultiert. Wir sitzen alle einem Boot!
Da Ludäscher die Darstellung dieser Zusammenhänge als nur „theoretisch“ – also wenig praktisch und daher offenbar nicht wichtig? – bezeichnet, hat er noch Wissenslücken zu füllen. Die Behandlung dieses umfassenden Themas lässt sich mit diesem Leserbrief nur anreißen.
Jedem Interessierten sei zur Vertiefung der Thematik die website www.globalmarshallplan.org empfohlen, die ich den Lesern hiermit ans Herz legen möchte.