Initiative will bis 2050 weltweite Überwindung der Armut erreichen


Das weltweite Wirtschaftssystem habe sich in Folge der Globalisierung und des technischen Fortschritts weitgehend von nationalen Rahmenbedingungen abgelöst. Die globalen Rahmenbedingen allerdings seien derzeit ungenügend. Das sagte Frithjof Finkbeiner bei seinem Vortrag “Herausforderungen der
Globalisierung", in dem der Wirtschaftswissenschaftler das Modell eines “Globalen Marshall Planes" auf Einladung des Christlichen Bildungswerks und der Pfarrgemeinde St. Jodok vorstellte.

Der Primat der Politik sei verloren gegangen, weil die politischen Kernstrukturen nach wie national oder kontinental, nicht aber global seien. Dies und weitere Einflüsse wie das rasche Bevölkerungswachstum und das Hineinwachsen von hundert Millionen Menschen in die ressourcen-intensiven Lebensstile der großen Wirtschaftsnationen machten ein weltweites Umdenken erforderlich.

Eine vorsichtige Prognose, so Finkbeiner, schätze die Weltbevölkerung 2050 auf zehn Milliarden, heute bevölkern die Erde 6,3 Milliarden; 1927 seien es gerade einmal zwei Milliarden gewesen. Das Ungleichgewicht der Welt belegte der Vorsitzende der Stiftung Weltvertrag und der Stiftung Global Marshall Plan mit weiteren Zahlen: 1,2 Milliarden Menschen lebten im Norden, aber 5,1 Milliarden im Süden. Allerdings verbrauchten die Menschen im Norden 80 Prozent der weltweiten Ressourcen und hinterließen die gleiche Prozentzahl an kritischen Abfall.

Bis 2050, wenn von den zehn Milliarden Menschen etwa die Hälfte in Wohlstand leben werde, seien neben der weltweiten Überwindung der Armut, der Friedenserhalt, Rentenrechte und der Erhalt der Umwelt wesentlich. Man müsse in diesem Jahrhundert beim technischen Fortschritt eine Erhöhung der
Ressourcen-Produktion um den Faktor zehn erreichen, um zehn mal mehr Wohlstand auf dem Globus zu schaffen als jetzt vorhanden. Dies bedeute eine Erhöhung der Ökoeffizienz sowie eine zeitsynchrone Erhöhung des weltweiten Bruttosozialproduktes.

Finkbeiner: “Dabei wird die soziale Frage das Schlüsselthema sein, denn schon heute liegen viele Länder unter der EU-Armutsdefinition, wonach als arm gilt, wer über weniger als die Hälfte des Durchschnitt-einkommens verfügt.³ Über dieser Definition lägen Japan, Finnland und Deutschland. Es funktioniere kaum in den USA und Indien und gar nicht in Russland, Mexiko, Südafrika und Brasilien. Den katastro-phalsten Wert stelle der weltweite Durchschnitt dar. “Das soziale Balance ist weltweit völlig ungleich³, sagte Finkbeiner, der mit dem so genannten Globalen Marshall Plan die Rahmenbedingungen schaffen möchte, um Chancengleichheit zu erreichen und die Zahl der Verhungernden und der Vertriebenen zu reduzieren.

Internationales Gremium nötig

In Anlehnung an den Marhall-Plan der USA nach dem Zweiten Weltkrieg solle bis 2015 als erstes Ziel ein auf nachhaltige Entwicklung ausgerichtetes “Global Governance System³ durch eine Verknüpfung von internationalen Standards wie der WTO, des IWF und der Weltbank geschaffen werden. Gleichzeitig bedürfe es eines globalen Umweltabkommens. Internationale Finanzierungsinstrumente zur Förderung der Entwicklung mit einem Finanzvolumen von rund 120 Milliarden US-Dollar jährlich sollten nach
Vorstellung des Global Marshall Plan ab 2008 durch eine Steuer auf Weltwirtschaftstransaktionen, IWF-Sondererziehungsrechte (mehr gedrucktes Geld), eine WTO-Steuer auf den Handel und der Verteuerung von Rohöl (ein Zehntel Cent mehr pro Liter Benzin) erreicht werden.

Dafür, dass diese Zahlen keine Utopien seien, führte Finkbeiner an, dass das Weltbruttosozialprodukt heute 30 Billionen Dollar betrage, der Umfang an Weltfinanzmarkttransaktionen 480 Billionen, die Entwicklungshilfe 60 Milliarden, die Zinsabgaben vom Süden in den Norden 160 Milliarden und die
Steuerhinterziehung 60 Milliarden Dollar jährlich.

Umgesetzt werden solle der Plan durch eine Verknüpfung der internationalen Gremien, es solle unter dem Patronat der UN stehen, und seine Regelwerke müssten kohärent sein. Finkbeiner: “Heute passen die internationalen Bedingungen nicht zusammen.³ Derzeit sei die Initiative dabei, als Beratungsteam bei der EU Fuß zu fassen. Nach Ansicht Finkbeiners brauche man ein internationales Gremium, um weltweit Einfluss nehmen zu können. Mittlerweile hätten sich viele internationale Organisationen und Prominente
dem Global Marshall Plan angeschlossen.

Landshuter Zeitung
01.07.2004

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