Afrika braucht weit mehr Hilfe von den Europäern
VON FRANZ ALT
Wenn künftig irgendein Frachter Schiffbrüchigen in einem Schlauchboot im Mittelmeer begegnet, dann sollte der Kapitän wegschauen und möglichst rasch die Weite des Meeres suchen. Dass er dabei weltweit gültiges Recht der christlichen Seefahrt verletzt und sich unterlassener Hilfeleistung schuldig macht, bereitet ihm wahrscheinlich weniger Ärger als das, was soeben der Kapitän der Cap Anamur in Italien erleben musste. Er und zwei Mitarbeiter der Hilfsorganisation Cap Anamur waren fünf Tage verhaftet, weil sie Menschen in lebensgefährlicher Lage geholfen haben.
Im Mittelmeer ertrinken jährlich Hunderte, wenn nicht Tausende auf der Flucht von Afrika nach Europa. Zur Zeit sind in Afrika 15 Millionen Umweltflüchtlinge auf der Suche nach Wasser, schätzt Uno-Umweltchef Klaus Töpfer. Verursacht sind die Wasserprobleme auch durch den Treibhauseffekt, den nicht die Afrikaner, sondern die Industriestaaten verursachen. Töpfer: »Wir machen uns einer ökologischen Aggression schuldig. Die Umweltflüchtlinge werden uns eines Tages überrennen, wenn wir nicht rasch handeln.«
Hilfen nicht erhöht
Die Regierungen Kohl und Schröder haben seit Jahrzehnten angekündigt, die Entwicklungshilfe zu erhöhen - doch das Gegenteil ist geschehen. Wir geben heute etwa ein Drittel dessen, was einst versprochen war, nämlich 0,25 Prozent unseres Bruttosozialprodukts. Bürgerkriege und korrupte Regierungen in Afrika verschärfen noch zusätzlich das Elend von Millionen der Ärmsten. Horst Köhler hat in seiner Antrittsrede gesagt, der Lackmus-Test der europäischen Humanität sei Afrika. Tatsache ist, dass in Afrika jährlich Millionen Menschen verdursten und verhungern, während wir uns über Flaschenpfand, Zahnersatz und vielleicht zehn Prozent weniger Rente aufregen. Vor 25 Jahren hatte Cap Anamur über 10000 Boatpeople im südchinesischen Meer gerettet. Unsere Report-Zuschauer hatten damals über 20 Millionen Mark gespendet, damit das Schiff den Schiffbrüchigen helfen konnte. Alle Geretteten wurden in Deutschland aufgenommen.
Von dieser praktizierten Solidarität ist heute nur noch wenig zu spüren. Die Weltgemeinschaft hatte sich vor vier Jahren das »Millenniumsziel« gesetzt, bis 2015 die Zahl der Hungernden und Verhungernden zu halbieren. Doch schon heute ist klar: In Afrika wird dieses Ziel dramatisch verfehlt.
Täglich verhungern 26000 Menschen in den Ländern der Dritten Welt. Afrika, der Kontinent vor unserer Haustür, wird immer ärmer - hauptsächlich südlich der Sahara. Die vier reichsten US-Bürger haben heute mehr Geld als die eine Milliarde der Ärmsten. Das ist keine gute Voraussetzung für Sicherheit und Frieden.
Auch den Wohlhabenden kann es langfristig nicht gut gehen, wenn es den Ärmsten immer schlechter geht. Hilfe für Afrika ist nicht nur eine Frage christlicher Nächsten- und Fernstenliebe, sondern auch der politischen Klugheit. Wer den Terror effektiv bekämpfen will, muss lernen: Brot und Bildung statt Bomben!
Faire Übernahmeregeln
Die wochenlange Irrfahrt der 37 schwarzen Schiffbrüchigen hat deutlich die Defizite einer europäischen Flüchtlingspolitik aufgezeigt. Europäische Flüchtlingspolitik? Gibt es die überhaupt? Die gängige Abschiebung des Problems an die Randländer Europas wie Italien oder Spanien, wo die meisten Afrika-Flüchtlinge landen, oder Polen und Ungarn, wo die meisten Osteuropa-Flüchtlinge ankommen, ist keine Lösung. Erst wenn die nationalen Regierungen sich auf faire Übernahmeregeln einigen, wird wenigstens eine Teillösung gefunden sein. Die Lösung heißt: eine gerechtere Welt, damit die Ursachen von Flucht und Schiffbruch entfallen.
Deutsche Spender geben Geld für ein Rettungsschiff, aber die italienische Regierung droht jetzt, das Schiff zu verschrotten. Es besteht ja auch die große Gefahr, dass die Retter weiterhin tun, was die Spender ihnen auftragen; nämlich Menschen in Not zu retten. Soll künftig die Devise heißen: Ertrinken lassen statt helfen?
So wie die USA nach 1945 erfolgreich einen Marshallplan zum Wiederaufbau Westeuropas organisierten, so muss und kann Europa heute einen Marshallplan für Afrika auf die Beine stellen.
Nürnberger Nachrichten 24.07.2004